Zahlenspiele zur Bundestagswahl

Ein paar Tage sind vergangen seit der Bundestagswahl. Der erste Staub hat sich wieder gelegt. Zeit unsere Schlüsse aus dem Ergebnis zu ziehen. Dabei ist das Fingerzeigen auf andere eher weniger hilfreich, weswegen die meisten der bisher geschriebenen „Analysen“ wohl eher als Kommentare zu bezeichnen sind. Ich zeige lieber auf Zahlen. Zu Kommentaren komme ich ein andermal. Also, los geht’s.

Es gibt viele Größen, mit denen man versuchen kann, das Wahlergebnis zu erfassen. Ich möchte mich hier auf zwei davon beschränken:

  1. Die „Mobilisierungsrate“, das „Mobilisierungsverhältnis“, oder wie auch immer man das nennen möchte: das Verhältnis zwischen Wählern und Parteimitgliedern.
  2. Das Verhältnis zwischen Wahlergebnis und Budget, also z.B. Prozentpunkt pro Million Euro.

Fangen wir mit Nummer eins an:

Mobilisierung

Bildschirmfoto 2013-09-29 um 14.50.09

Glücklicherweise halten wir Piraten solche Daten ja offen vor, weswegen ich damit jetzt spielen kann. Sehen wir uns also mal die paar Datenpunkte an, die ich benutzt habe. Erstmal fällt etwas auf: unsere Zahler-Zahlen sind immer wesentlich kleiner als die „Mitglieder“-Zahlen. Auch ich habe in der Vergangenheit dafür argumentiert, das so zu handhaben. Das war ein Fehler. Wir sollten ehrlich zu uns selbst sein und Menschen, die zu weit im Verzug mit ihrem Beitrag sind, nicht mehr als Mitglieder auflisten. Ansonsten belügen wir uns nur selbst. Ausgehend von dem was ich weiß, halten auch die anderen Parteien keine Fassade aus „Mitgliedern“ hoch, sondern treiben ihre Beiträge ein. Ich gehe daher bei den Vergleichswerten der anderen Parteien davon aus, dass die veröffentlichten Zahlen wirklich Zahler beschreiben und vergleiche sie daher auch nur mit unseren Zahlerdaten.

Jedenfalls: Schauen wir uns nun das Verhältnis Wähler zu Zahler (W/Z) mal an. Beginnend mit der vorherigen Bundestagswahl treibt jeder unserer Beitragszahler 170 Piratenwähler zur Urne. Wie das genau passiert, sie mal dahingestellt. Mund-zu-Mund-Propaganda. Irgendwas. Ist für diese Betrachtung hier nicht so wichtig.

Bei unseren erfolgreichen Landtagswahlen liegt dieser Wert konsistent über den 170 von 2009, bis zu 237 in Berlin. Unseren „Höhepunkt“ erreichen wir wohl zwischen der Wahl im Saarland und den Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen: Emnid sieht uns da im Bund bei 12%. Nehmen wir die Zahlen der Bundestagswahl 2013 als Grundlage hätten wir damit sogar ein Mobilisierungsverhältnis von über 300. Wow! Nach der Wahl in NRW gab es länger keine Wahl und in Niedersachsen bekamen wir dann auch den ersten Dämpfer: knapp 2%. Das war nicht weit von dem, was die Demoskopen vorhergesagt hatten. Schauen wir nicht nur darauf, sondern auch auf unser W/Z, liegen wir erheblich unter unseren Hype-Zahlen, bei 84. Bei W/M, also Wähler pro „Mitglied“ ist es sogar viel schlimmer, nur noch 26. Dieses Ergebnis finden wir im Wesentlichen bei der Landtagswahl in Bayern und der Bundestagswahl 2013 wieder: W/M um die 20-30, W/Z um die 70-80.

Zahlen für sich alleine haben eine geringe Aussagekraft. Also, sehen wir uns doch mal die Ergebnisse einger unserer Mitwerber an zum Vergleich an. Mit Ausnahme des neuen „kid on the block“, der AfD, liegen alle anderen Parteien ein gutes Stück unter unserem W/Z. Die AfD betrachte ich hier nicht weiter, weil sie am ehesten nur wir vor 4 Jahren ist.
Am nächsten dran an uns sind Linke und Grüne mit einem Wert von 60. Trotz allem sind wir noch über ein Drittel über diesem Wert, bei 83.

Doch eine Schlussfolgerung kann man wohl endgültig ziehen: der Reiz des Neuen ist verflogen. Wir sind in den Augen des Wählers im Großen und Ganzen eine Partei wie viele andere auch. W/Z-Werte von 300 werden wir nie wieder erreichen, auch die 170 von der letzten BTW sind Geschichte. 100 dürfte für die Zukunft ein ambitioniertes Ziel sein. Damit müssen wir arbeiten.

Geld

Auf G+ geistert ein Beitrag herum, der die Budgets der Parteien bei der Wahl vergleicht. Ich habe die Zahlen mal in eine sauberere Tabelle gegossen:

Partei Budget [M€] Ergebnis [%] %-Punkt pro Mio. €
Piraten 0,4 2,2 5,5
AfD 2,3 4,7 2,0
Linke 4,5 8,6 1,9
Union 29,5 41,5 1,4
FDP 4,0 4,8 1,2
SPD 23,0 25,7 1,1
Grüne 5,5 8,4 1,5

Wir haben nur 400’000€ für den Wahlkampf ausgegeben. VIelleicht etwas mehr, aber nicht viel. Bei real 10.000 Beitragszahlern sollten wir Piraten jedes Jahr 480’000€ einnehmen. Dazu käme noch „das 1%“: in der Satzung wird empfohlen, dass jedes Mitglied 1% seines jährlichen Nettoeinkommens zusätzlich einzahlt. Das entspricht 24 Minuten einer 40-Stunden-Woche, also sehr zumutbar. Bei einem mittleren Einkommen in Deutschland von etwa 1100€ im Monat kann man also weitere 132€ im Jahr pro Pirat schätzen, was insgesamt also knapp 1,8 Mio. € machen würde. Dazu käme Geld aus der Parteienfinanzierung, das uns permanent entgeht, weil wir nicht genug eigene Einnahmen haben. Wir können also durchaus sagen, dass wir für den Wahlkampf mindestens das fünffache hätten ausgeben können, wenn wir (= wir alle, nicht nur Schatzmeister usw.) da unsere Hausaufgaben gemacht hätten. Das wären dann 2 Millionen. Wahrscheinlich mehr, aber ich spekuliere mal konservativ.

Natürlich darf man jetzt nicht den Fehler machen und aus der Tabelle die 5,5%/M€ ablesen und aus 2 Millionen € dann 11% schätzen. Aber es ist doch nicht von der Hand zu weisen dass unser Geld sehr effizient war und bis zum Schlusslicht von SPD mit 1,1%/M€ noch viel Luft ist. Ich halte es für möglich, dass wir bei 2 Millionen Budget durchaus 4% hätten knacken können – dann hätten wir bloß eine Effizienz wie die AfD oder die Linke. Das ist nicht unrealistisch. Einfach erstmal nur durch mehr Airtime für unsere Beiträge und Spots, also Werbung auf Facebook, auf Youtube & Co., im TV, in Flyern in Briefkästen, …

Fazit

Man kann sich viel streiten über unsere Kampagne. Ob die Spots gut waren, ob die Plakate die Wähler erreicht haben, … und so weiter uns so fort. Meine These ist, dass unsere Kampagne zwar noch Luft nach oben bot, aber nicht so viel, wie nötig gewesen wäre. Wir hätten vielleicht ein W/Z um die 100-120 erreichen können, aber dann hätten wir halt um die 3% oder so gehabt. Das hätte auch nichts geholfen. Für mehr war einfach kein Fundament da. Denn wir haben die Wahl vorher verloren. Als wir unser Image kaputtgemacht haben. Welcher Pirat musste sich nicht mit dem Vorwurf der permanenten Streitereien auseindersetzen? Dieses Image werden wir jetzt mühsam wieder aufbauen müssen.

Welches Image? Dazu werde ich noch extra etwas schreiben. Aber prinzipiell schlage ich folgende Vorgehensweise vor:

  1. Reinen Tisch in der Verwaltung: Nichtzahler höflich anschreiben und Beiträge eintreiben. die 48€ und das 1%. Damit meine ich nicht, dass man Einkommen abfragt und dann Rechnungen schreibt. Wir müssen unsere Mitstreiter nur mit Nachdruck darauf hinweisen, dass sie doch bitte wenn möglich auch 24 Minuten von jeder (40-Stunden-)Woche der Partei widmen sollen.
  2. Wachstum: wir müssen wachsen. Diesmal aber nicht unkontrolliert wie im Hype, mit Leuten die hier nur ihre kruden Thesen abladen und dann wieder gehen wenn sie merken, dass es nichts wird. Wir müssen rausgehen und netzwerken. In München haben wir tolle Erfahrungen gemacht als wir zu Start-Ups gegangen sind oder Vorträge zu Kryptographie und Drogenpolitik gehalten haben. Beim „Rausgehen“ muss man selber erstmal gar nicht so viel reden: zuhören ist wichtiger! Daraus sind neue aktive Mitglieder und Kontakte entstanden. Das muss unsere Hauptaufgabe für die nächsten Jahre sein. Wenn wir es schaffen, unsere realen Mitgliederzahlen in den nächsten 4 Jahren auf mindestens 15000 zu heben und unser Geld klug in der nächsten Bundestagswahlkampf-Kampagne einsetzen, dann können wir ausgehend von den oben stehenden Zahlen wirklich den Einzug erwarten. Denn es hat sich letzten Sonntag endgültig eine Lücke im Parteienspektrum aufgetan, die wir füllen können, sollten und müssen. Aber dazu ein extra Post in nächster Zukunft.
  3. Jugendarbeit: Das Durchschnittsalter der Piraten liegt derzeit bei Ende 30. Vor 4 Jahren lag es noch bei Ende 20! Es ist gut, dass wir Piraten jetzt mehrere Altersschichten ansprechen. Doch auf die Dauer können wir nicht erfolgreich sein, wenn wir nicht frisches Blut mit neuen Ideen an Bord holen. Bei den U18 Wahlen hatten wir jetzt zweistellige Ergebnisse. Bei den Erstwählern waren wir noch deutlich über 5%. Die jungen Menschen, die uns sympathisch finden, müssen wir durch erfolgreiche Jugendarbeit binden. Denkt dran: In 4 Jahren sind alle 15-jährigen von heute Erstwähler! Ich für meinen Teil werden jedenfalls jetzt mithelfen, in München die JuPis zu einem tollen Anlaufpunkt für interessierte Jugendliche zu machen. Ihr bei euch hoffenlich auch.

4 Gedanken zu „Zahlenspiele zur Bundestagswahl

  1. Du hast das Hauptproblem nicht verstanden. Niemand braucht eine dritte Gutmenschenpartei, weil es für Gutmenschenparteien in Deutschland nur 20% Stimmen gibt. Wenn Linke und Grüne zusammen 17% davon bekommen, bleiben für die Piraten maximal 3%, und das reicht leider nicht für den Einzug in ein Parlament. Es gibt nur eine Lösung für dieses Problem: Schmeißt die Gutmenschen raus und öffnet euch dem bürgerlichen Lager.

    1. Das ist, was ich oben als Meinung statt Analyse bezeichnet habe. Diese Zahlen sind ziemlich komplett auf der Luft gegriffen und dementsprechend eher nutzlos. Zum Image werde ich aber so oder so einen extra Beitrag verfassen.

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